Vom "Kindertisch" auf den Landratsstuhl
30. Dezember 2004 |Artikel der Grafschafter Nachrichten vom 30.12.2004
Im Juni 1990 begann für den Grafschafter CDU-Kommunalpolitiker Friedrich Kethorn sein Einsatz als Landtagsabgeordneter aus der Grafschaft Bentheim. Zum Jahreswechsel hat Kethorn sein Mandat zurückgegeben, um sich als hauptamtlicher Landrat ganz der Grafschaft widmen zu können.
Von Irene Schmidt
NORDHORN – Hätte man Friedrich Kethorn vor 30 Jahren gefragt, wie er sich sein zukünftiges Leben vorstellt, dann wäre die Antwort des damals 23-Jährigen eindeutig ausgefallen: 1974 hatte der junge Landwirtschaftsmeister und Vorsitzende der Kreislandjugend den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Er hätte sich gewünscht, dass sein Betrieb wächst und gedeiht und eine Familie ernähren kann. – Heute blickt der 53-jährige auf eine politische Karriere als Landtagsabgeordneter zurück und in eine Zukunft als erster gewählter hauptamtlicher Landrat der Grafschaft Bentheim, der gleichzeitig Chef einer Verwaltung mit knapp 500 Mitarbeitern ist.
"Es war nicht meine Lebensplanung", sagt Friedrich Kethorn heute: "Wenn ich meinen persönlichen Werdegang sehe, habe ich immer auch ein Stück Glück gehabt." 1982 war er der CDU beigetreten und 1983 bis 1990 deren Kreisgeschäftsführer. Vor der Landtagswahl 1990 gab es vier Bewerber um die Kandidatur. Kethorn wurde gewählt und zog mit 39 Jahren in den Landtag ein, als die Albrecht-Regierung abgelöst und Gerhard Schröder Ministerpräsident wurde. "Ich gehörte zu den Jüngsten in der CDU-Fraktion", erinnert sich Friedrich Kethorn schmunzelnd. Gemeinsam mit sechs weiteren jungen Abgeordneten, darunter der heutige Finanzminister Hartmut Möllring, gründete er den so genannten "Kindertisch", dem man unterstellen darf, den Generationswechsel in der niedersächsischen CDU-Fraktion eingeleitet zu haben.
Der Wechsel in den Landtag sei ihm nicht schwer gefallen, resümiert Kethorn heute. Über die Arbeit in den Fachausschüssen habe er schnell Anschluss gefunden. Während der Plenarsitzungswochen, wenn er im Hotel übernachtete, habe man abends zusammen gesessen und zwanglos über politische Themen sprechen können. Als Stürmer oder Linksaußen im "FC Landtag" habe er wichtige Kontakte knüpfen und manchen Handel perfekt machen können.
Natürlich kam die Familie manches Mal zu kurz, natürlich waren die Tage anstrengend, an denen er zwischen Nordhorn und Hannover pendelte. "Aber wie viele Menschen arbeiten auswärts und haben das gleiche Problem", weiß Kethorn. Nur er habe des Vorteil der freien Entscheidung gehabt und die habe er nie bereut.
Die fast 15-jährige Tätigkeit als Abgeordneter habe seinen Horizont erweitert, sagt Kethorn: "Ich kenne Niedersachsen von Hannoversch Münden bis Borkum, von Lüchow-Dannenberg bis Nordhorn. Ich habe Menschen – innerhalb und außerhalb der Grafschaft – kennen gelernt und Kontakte zu vielen Entscheidungsträgern knüpfen können." Viele Grafschafter Anliegen habe er anstoßen oder auch durchsetzen können, eine Menge Arbeit auch "im Verborgenen" geleistet. Dazu rechnet Kethorn Hilfe in Einzelfällen, Dinge, "über die ein Abgeordneter nicht öffentlich sprechen sollte". Auch Freunde habe er gewonnen und durchaus gute Verbindungen über Parteigrenzen hinweg knüpfen können. Einer von der SPD-Regierungsbank, an den sich Friedrich Kethorn gern erinnert, ist Ex-Kultusminister Rolf Wernstedt. Besonders enge Kontakte pflegt er seit längerer Zeit mit Landwirtschaftsminister Hans-Heiner Ehlen und dem ehemaligen CDU-Agrarsprecher Karl-Dieter Oestmann.
Vor wenigen Wochen ist Friedrich Kethorn innerhalb der Fraktion "gebührend verabschiedet" worden. Die letzte Plenarsitzung steht ihm aus formellen Gründen noch bevor. Am 26. Januar muss der Landtag den Mandatsverlust Kethorns feststellen. Den wird Kethorn vor Ort bestätigen, so dass sein Nachrücker, Fritz Günzler aus Göttingen, sein Mandat unverzüglich aufnehmen kann. "Es ist eine Formalie", erklärt Kethorn: "Bis dahin bin ich quasi ein Landtagsabgeordneter ohne Bezüge."
Abgeschlossen hat der zukünftige Landrat mit seiner "politischen Vergangenheit" aber auch gefühlsmäßig nicht. Es gab Höhepunkte, die ihm immer in guter Erinnerung bleiben werden. Dazu zählt vor allem der Regierungswechsel im Jahr 2003, als Christian Wulff, den Kethorn schon lange kennt, Ministerpräsident wurde. Dazu gehören aber auch die EXPO 2000 und die Verabschiedung der Niedersächsischen Verfassung.
Viele Themen, die Friedrich Kethorn als Abgeordneten schon beschäftigt haben, bleiben ihm darüber hinaus erhalten. Ob Krankenhauswesen, Bildungs- oder Landwirtschaftspolitik: Die Arbeit geht weiter. – Nur aus einem anderen Blickwinkel. Nicht mehr vom "Kindertisch" seiner Fraktion aus, sondern diesmal vom Landratssessel im Kreishaus.
Themen dieser Meldung: Wirtschaft, Bildung, Landtag, Nordhorn