Artikel der Grafschafter Nachrichten vom 27-02-2002
CDU-Landeschef Christian Wulff gibt dem SPD-Konzept zur Abschaffung der Orientierungsstufe keine Chance. Im GN-Interview stellt er das CDU-Modell der dreigliedrigen "Qualitätsschule" dagegen. Wulff sieht die Bildungspolitik als zentrales Wahlkampfthema.
Von Rolf Masselink
Frage: Das Thema Schulreform beschäftigt in Niedersachsen alle Parteien. Mit welchem Konzept will die CDU überzeugen?
Wulff: Vor eineinhalb Jahren haben wir ein Konzept "Qualitätsschulen für Niedersachsen" vorgestellt. Wir mussten daran bis heute nichts verändern, weil es Zustimmung findet vom Landeselternrat, von der ausbildenden Wirtschaft und auch von Lehrerverbänden. Es sieht vor, dass wir die Kindergärten und Grundschulen stärken wollen. Daran anschließend wollen wir Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien mit einem jeweils eigenständigen Profil. Und das Gymnasium soll mit Klasse 12 für alle das Abitur verleihen. Als zentrales Problem der Bildungspolitik sehen wir die Unterrichtsversorgung. Und wir brauchen andere Inhalte: mehr Wirtschaftsnähe, mehr Fremdsprachen und mehr Multimediakompetenz.
Frage: Die CDU will also zurück zum dreigliedrigen Schulsystem?
Wulff: Wir wollen homogene Lerngruppen im gegliederten, bildungs- und begabungsgerechten Bildungswesen. Wir glauben, dass damit die Lehrerkollegien, die schon nach Klasse vier Verantwortung für ihre Schüler übernehmen, sie langzeitig beschulen und ganz spezifisch fürs Leben befähigen können. Gerade die Pisa-Studie empfiehlt langzeitige Beschulung und keine ständigen Wechsel der Schulen und Schulformen.
Frage: Ist das die Rückkehr ins Bildungssystem der 50er Jahre?
Wulff: Entscheidendes Element ist für uns der Elternwille nach Klasse vier. Die Durchlässigkeit heute, die besonderen Formen von Förderung lassen das Argument "Zurück in die 50er Jahre" als Unsinn erscheinen. Zudem gibt es heute keine Bildungssackgassen mehr. Wer die Hauptschule durchläuft, Geselle wird, Meister wird, hat die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Es sind also alle Chancen eröffnet. Wer die Realschule abschließt, kann zur gymnasialen Oberstufe wechseln und dort das Abitur machen. Und das Gymnasium soll nach Klasse 12 mit dem Abitur enden.
Durchlässigkeit und Chancen sind also auch im gegliederten Bildungswesen gegeben. Aber es wird den Schülern in den einzelnen Schulformen eher gerecht in Bezug auf Fördern und Fordern.
Frage: Das Förderstufenmodell der SPD verfolgt auch das Ziel, die Abiturquote zu steigern.
Wulff: Die Abiturquote in Niedersachsen ist so gering, weil die Orientierungsstufen mit einer angebundenen Haupt- und Realschule ausgesprochen selten Gymnasialempfehlungen ausgesprochen haben. Das hängt aber nicht mit der Qualifikation der Schüler zusammen, sondern das hat mit der Erhaltung der Schulstandorte zu tun.
Die Entscheidung des Elternwillens nach Klasse vier auf der Grundlage der Empfehlung der Schulen wird zu einer angemesseneren Verteilung der Schülerströme führen. Im übrigen brauchen wir zwar mehr Abiturienten und Akademiker, aber wir brauchen auch mehr Facharbeiter und Fachleute im berufsbildenden Bereich.
Ein viel größeres Problem als die Abiturientenquote ist die hohe Zahl der Schulabbrecher: Dass in jedem Jahr in Niedersachsen zehn Prozent der Schüler ohne Abschluss entlassen werden, das ist der eigentliche Skandal. Ich habe am Wochenende auf dem Landestag der Jungen Union das Versprechen gegeben, dass wir innerhalb der ersten fünfjährigen Regierungsphase die Zahl der Schulabbrecher durch inten-sivste Förderung auf fünf Prozent halbieren wollen.
Die SPD hat Lehrerstunden für die Förderung benachteiligter Kinder gestrichen, um die Schulstatistik besser aussehen zu lassen. Aber gerade Schüler mit bestimmten Benachteiligungen brauchen eine besonders intensive Förderung. Und auch das Schulschwänzen muss viel intensiver bekämpft werden. Denn wer die Schule nicht besucht, wird auch keinen vernünftigen Schulabschluss bekommen.
Frage: Gerade deswegen fordern Lehrerverbände, lieber mehr Geld in die Orientierungsstufe zu stecken.
Wulff: Die Beträge, die die Landesregierung für die Förderstufe vorgesehen hat, sind nur Peanuts. Für die Expo waren 800 Millionen Mark da, für die Bankgesellschaft Berlin werden jetzt wieder 330 Millionen unsinnig ausgegeben. Für die BEB-Entscheidung zum Förderzins hat man 700 Millionen Mark Verfahrens- und Zinskosten riskiert. Aber 94 Millionen für 2500 neue Lehrer hat man uns im Landtag abgelehnt, obwohl wir sie gegenfinanziert hatten.
Hier wird von der SPD unredlich argumentiert nach dem Motto: Wir hätten kein Geld. Natürlich haben wir eine Menge Geld, nur wir geben es falsch aus. Die Priorität für Bildung findet derzeit nicht statt. Die muss aber erfolgen, denn fast 40 Prozent aller heutigen Lehrkräfte in Niedersachsen werden in den nächsten zehn Jahren in Pension gehen. Jetzt können wir zum Teil noch Lehrer einstellen. In wenigen Jahren wird’s keine mehr geben. Dann wird wieder der Apotheker gebeten, Chemie zu unterrichten und der Anwalt, Rechtskunde zu geben.
Frage: Wird es also in der Schulpolitik keinen Konsens zwischen den Parteien, zwischen Lehrern und Eltern geben?
Wulff: Streit in der Demokratie als Ringen um den besten Weg ist legitim. Aber Konsenssauce als kleinster gemeinsamer Nenner muss nicht die richtige Zukunftsgestaltung sein. Was schädlich ist, sind Eiertänze auf Kosten von Lehrern, Eltern und Schülern an Stellen, wo es nicht sein muss.
Die Forderungen von Herrn Gabriel: Kindergeld für Laptops, Einschulung mit fünf Jahren, Sitzenbleiben soll verboten werden, Leistungsprämien für Lehrer, obwohl sie in Niedersachsen seit Jahren nicht ausgezahlt, sondern eingesackt werden – das sind Irritationen, die nicht sein müssen. Die produzieren kurzfristig Schlagzeilen und machen dauerhaft viel kaputt.
Die Pisa-Studie zeigt uns, dass die Länder am erfolgreichsten sind, die sich zu Bildung, zum Wissen, zur Vermittlung von Werten, die sich zur Leistung, zur Anstrengung und vor allem zu ihren Lehrern bekennen. Da sehe ich den ersten Punkt, wo ich mir Konsens wünschen würde. In Niedersachsen gibt’s 25 Euro pro Lehrer für Fortbildung im Jahr. Damit kann man die Lehrer nicht aktuell halten.
Der zweite Konsens sollte sein, dass Schule mit Familie mehr machen muss. Die Schule ist vielfach zum Reparaturbetrieb geworden, das heißt: wir brauchen mehr Nachmittagsangebote in den Schulen, mehr Lehrer und mehr Unterstützung der Lehrer. Über diese Bereiche wünsche ich mir mehr Konsens. Und da bin ich auch nicht hoffnungslos: Ich sehe da große Übereinstimmung zwischen uns und den Grünen und vielen Sozialdemokraten. Aber das wird von der Mehrheit der SPD im Moment noch unterdrückt. An dem Punkt ist auch Gabriels Durchsetzungskraft nicht vorhanden, dafür ist die SPD zu lehrerdominiert.
Politischen Streit gibt’s um die Strukturen. Die sollte man aber nicht zu wichtig nehmen. Schulstrukturen sind nicht die zentrale Frage der Politik. Das zeigt auch Pisa.
Frage: Die Landesregierung möchte die Novelle des Schulgesetzes noch vor der Sommerpause verabschieden. Müssen wir damit rechnen, dass das neue Gesetz wieder gekippt wird, wenn die CDU im Februar 2003 die Landtagswahl gewinnen sollte?
Wulff: Wann immer das Schulgesetz auch verabschiedet wird, in dieser Legislaturperiode wird sich gar nichts mehr tun. Nach der Landtagswahl wird das SPD-Konzept niemals voll verwirklicht werden, weil die SPD dann nicht mehr die absolute Mehrheit haben wird. Es wird dann zum Schuljahr 2003/04 eine Schulreform geben mit Einflüssen der CDU, der Grünen, der FDP und wer immer an der Regierung beteiligt sein wird.
Die SPD hat jetzt 12 Jahre lang eine Schulpolitik der Nadelstiche gemacht, die alles in Richtung Gesamtschule ausrichtet. Was immer sie auf dem Parteitag am Samstag beschließt, das wird sich erst ab 2003 auswirken können. Aber wa
s sich ab 2003 ergibt, entscheiden die Wähler. Insofern wird Schulpoltik Gegenstand des Landtagswahlkampfs. Es ist auch okay, dass die Bürger mit entscheiden können, welches Bildungssystem sie wollen.