Klare Absage an eine aktive Sterbehilfe

21. Juni 2006 |

Podium Diskussion mit Justizministerin – Ausbau der Palliativmedizin und Hospizarbeit gefordert
Eine klare Absage an eine aktive Sterbehilfe erteilte Justizministerin Elisabeth Heister-Neumann am Montagabend während einer Podiumsdiskussion der Grafschafter CDU zum Thema "Lebensschutz und Sterbebegleitung". Mit auf den Weg gaben ihr die Teilnehmer die Forderung nach einem Ausbau der Palliativmedizin, mehr Unterstützung für die Hospizhilfe und rechtlicher Sicherheit bei Patientenverfügungen.
"Das Thema treibt uns um", meinte zu Beginn der Veranstaltung im Kloster Frenswegen der CDU-Kreisvorsitzende Reinhold Hilbers. Sorge bereite vor allem die Tatsache, dass es immer mehr Menschen gebe, die Angst vor dem Sterben hätten und die eine aktive Sterbehilfe befürworteten. "Das kann aber nicht die Antwort auf die Ängste sein", betonte auch Hilbers.
Welche Antworten aber gibt es? Bevor Niedersachsens Justizministerin darauf einging, zeigte sie zunächst einen Film über den Schweizer Sterbehilfeverein Dignitas, der vor einigen Monaten ein Büro in Hannover eröffnet hat. Elisabeth Heister-Neumann verurteilte Aktivitäten wie die von Dignitas, die darauf abzielten, die geschäftsmäßige Suizidvermittlung gesellschaftsfähig zu machen. Und sie warnte vor Entwicklungen wie in den Niederlanden oder der Schweiz. Denn: "Dort, wo es aktive Sterbehilfe gibt, wird sie mit der Zeit ausgedehnt." So gebe es in den Niederlanden derzeit sogar Überlegungen, Sterbehilfe nicht nur bei unheilbarer Krankheit sondern auch bei sozialen Leiden wie zum Beispiel Depressionen zu ermöglichen.
Im einzelnen ging die Justizministerin dann auf Alternativen ein: Da ist vor allem die Palliativmedizin. In mehr als 90 Prozent aller Fälle kann Schmerztherapie heute unheilbar Kranken mit großen Schmerzen helfen. Aber nicht nur die Angst vor großen Qualen beschäftigt viele Menschen, sondern auch die Angst vor der Einsamkeit im Alter oder aber der Wunsch, der Familie nicht zur Last fallen zu wollen. "Diese Ängste müssen wir ernst nehmen", meinte die Justizministerin. Wo es keine Familie gebe, müsse nach neuen sozialen Lebensformen gesucht werden. Heister Neumann nannte in diesem Zusammenhang Wohngemeinschaften oder das Mehrgenerationenhaus.
Auch auf die rechtliche Seite ging sie ein. In Deutschland sei aktive Sterbehilfe verboten. Straflos dagegen sei es, wenn die medizinische Hilfe für einen todkranken Menschen unter Umständen zu einem früheren Tod führen könne. Das Instrument der Patientenverfügung könne eine wichtige Hilfestellung für die Ärzte sein.
Das betonte auch Dr. Hermann Thole, Vorsitzender der Hospizhilfe Grafschaft Bentheim sowie Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Schmerztherapeut am Grafschafter Klinikum. Gleichzeitig wies er auf widersprüchliche Gerichtsentscheidungen hin bei der Frage, ab wann eine Patientenverfügung für einen Arzt verbindlich ist. Hier sehen Thole und auch sein Kollege Prof. Gerhard Pott vom Marienkrankenhaus Klärungsbedarf. Sie ermunterten die Justizministerin aktiv zu werden und einen entsprechenden Gesetzentwurf für die Bundesebene vorzuschlagen.
Auf ein großes Informationsdefizit in der Bevölkerung über die Schmerztherapie und die Arbeit der Hospizbewegung wies unter anderem Pastor Gottfried Peters, evangelisch-reformierter Moderator der Stiftung Kloster Frenswegen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion, hin. Untersuchungen zeigten, dass der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe bei den Menschen, die informiert über Alternativen sind, dramatisch sinke.
Bekanntlich gibt es seit vielen Jahren die Hospizhilfe Grafschaft Bentheim, die eng mit den Krankenhäusern und den Pflegeeinrichtungen im Landkreis zusammenarbeitet. "Wir sind in der Grafschaft schon viel weiter als in vielen anderen Landkreisen", sagte Prof. Pott und erwähnte in diesem Zusammenhang auch die Palliativ-Ausbildung von jungen Medizinern am Marienkrankenhaus. Sowohl Pott als auch Dr. Thole betonten, dass der notwendige Ausbau der Palliativmedizin und der Hospizarbeit Geld kosten. Reinhold Hilbers wies darauf hin, dass die Landesregierung flächendeckend Palliativ-Stützpunkte ausbauen wolle und in diesem Jahr dafür 250000 Euro zur Verfügung gestellt habe. "Ich hoffe, dass im nächsten Jahr auch in der Grafschaft Bentheim ein solcher Stützpunkt eingerichtet werden kann", fügte er hinzu.
In der Diskussion ging es auch um die Einstellung von jungen Leuten, die eher als Ältere Sterbehilfe befürworteten. Hier wurde gefordert, dass es mehr Begegnungen zwischen jungen und alten Menschen geben und noch viel mehr deutlich gemacht werden müsse, dass nicht nur gesundes Leben lebenswert ist.

Artikel aus den Grafschafter Nachrichten vom 20.06.2006




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