„In der Grafschaft können die Bazis noch viel lernen“

21. Januar 2005 |

Artikel der Grafschafter Nachrichten vom 21.01.2005

Bei politischen Jahresauftakten geht es weniger um trockene Sachpolitik als um gute Stimmung. Aus diesem Grund hat in diesem Jahr auch die Grafschafter CDU erstmals zu Bier und Grünkohl eingeladen. Und gut 170 Christdemokraten sind der Einladung in den Saal Rammelkamp gefolgt, dazu kommen eine Reihe von Behördenvertretern und fast alle Fachbereichsleiter der Kreisverwaltung. Der neue Parteivorsitzende Reinhold Hilbers ist sichtlich zufrieden. „Herzlichen Dank, dass ich mal wieder in der Grafschaft sein darf“, schmeichelt David McAllister gleich zu Beginn seiner Rede. Der Chef der CDU-Landtagsfraktion hat jedoch noch jede Menge mehr Lob für den Westen des Landes als „erfolgreichste Region“ im Gepäck. Schließlich ist er über die Autobahn angereist. Nach dem Passieren des Wesertunnels und der Weiterfahrt in Richtung Grafschaft kann der Mann aus Bederkesa in Nordhorn zufrieden sagen: „Ab Oldenburg donnert man hier runter.“ Zur privaten Mitfinanzierung der Autobahn 31 bemerkt der Schotte mit doppelter Staatsbürgerschaft: Anderswo sagt man, diese Region ist so wohlhabend, die hat sich die Autobahn gekauft.“ Da sollen offenbar Begehrlichkeiten in Richtung des Landes im Saal gar nicht erst aufkommen.
Natürlich fehlen auch der Glückwunsch für den neuen Landrat Friedrich Kethorn und das Lob für den verbliebenen CDU-Landtagsabgeordneten Reinhold Hilbers nicht. McAllister und Hilbers tragen die gleiche Krawatte in „Angie-Orange“, die das Niedersachsenross ziert; selbstverständlich das alte. Zur vieldiskutierten K-Frage hält sich der Mann mit der scharfen Zunge zurück, sagt aber in Bezug auf Angela Merkel: „Wenn die Männer nicht können, kommt die Stunde der Frauen.“ Die Nordhorner CDU-Vorsitzende Erika Meier-Schinke sitzt ganz vorn und nickt zustimmend. Was für das Kanzleramt gilt, muss ja für das Nordhorner Rathaus nicht verkehrt sein.
Der Gast aus dem Leineschloss geißelt ein ums andere Mal die Politik der Bundesregierung und weist auf die Vorzüge der CDU/FDP-Landesregierung hin. Die Palette der Themen in freier Rede ist breit. Das 36-seitige Redemanuskript würdigt McAllister eines Blickes. Mit Blick auf die eigenen Parteifreunde in Berlin und München mahnt der Christdemokrat, Meinungsverschiedenheiten direkt auszutragen und „nicht den Weg über die Medien“ zu gehen.

Auch auf die kommenden Jahre kündigt der Chef der Landtagsfraktion unpopuläre Maßnahmen an, um die Finanzen wieder in den Griff zu bekommen. „Die Schmerzgrenze bei den Beamten ist erreicht“, ruft McAllister in den Saal und erwartet harte Tarifauseinandersetzungen mit den Angestellten im öffentlichen Dienst.

Auch am Schluss seiner Rede gibt es eine Schmeicheleinheit. Als Opposition sei man früher nach München gefahren, um sich erfolgreiche Politik anzusehen. McAllister möchte in fünf oder zehn Jahren eine bayrische Delegation in Hannover empfangen und sagen können: „Fahrt auch in die Grafschaft.“ Denn: „Hier können die Bazis noch viel lernen.“




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